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Dienstag, 01. Juli 2008

Ein Wochenendbesuch…

PH Irene kam wie gewohnt mit der Insulingabe für meine Mutter im Zimmer vorbei. Eigentlich ein Tag wie jeder andere auch zumindest für meine Mutter. Diesmal war sogar Muttertag. PH Irene steckte auch wie üblich die Flasche für die Sondennahrung an.

Schließlich bat sie mich aber auch, ob ich nicht für die kommenden neuen Heimnachrichten einen Angehörigenbeitrag schreiben möchte? Momentan war ich so perplex, dass ich nur freundlich ablehnen konnte. Was sollte ich schon dazu beitragen können? Ich versuche zwar regelmäßig jedes Wochenende vorbeizukommen, leider kann sich meine Mutter aber seit 1 1/2 Jahren nicht mehr wirklich mit mir unterhalten oder Rückmeldungen von ihr selber beitragen. Nach bereits einjährigem Aufenthalt nach einer Oberschenkelhalsfraktur, bemühten sich die Schwestern außerordentlich, dass meine Mutter nach schweren Muskelschwund doch wieder irgendwie auf die Beine kommen sollte.

Und tatsächlich gelang es auch! Mit Unterstützung konnte sie sogar schon wieder bis zu 10 Schritte gehen, und war sehr stolz. Sonst nur im Rollstuhl war so gar nicht ihres, zumal sie ein Leben lang immer sehr viel gegangen war. Kaum freuten wir uns alle über diesen außerordentlichen Erfolg, ereilte sie trotz Blutverdünnung ein sehr schwerer Schlaganfall mit Halbseitenlähmung. Dessen nicht genug, mit begleitenden Schluck- und leider auch Lähmungen ihres Sprachzentrums! Unseren gewohnten, wöchentlich gemeinsamen Unterhaltungen bei der Nachmittagsjause, wurden damit ein jähes Ende bereitet. Wenigstens überlebt hatte sie es! Vorerst war ihr Lebenswille gar nicht mehr vorhanden.

Gemeinsam lernten wir erst mit dieser völlig veränderten Situation umzugehen, es akzeptieren zu lernen und nicht immer dem Weinen zu nahe zu sein. Kaum zu glauben, dass man sich auch irgendwie daran gewöhnen kann.

Einfach nur mehr da zu sein, regelmäßig vorbeizukommen, nur mehr Blumen bringen zu können, die Hand zu drücken und mit den Augen Kontakt aufzunehmen. Dann und wann mal ein Nicken ihrerseits als Bestätigung. Ich habe mich abgefunden, einfach nur ein paar Stunden am Wochenende für sie da zu sein. Bei meiner Ankunft habe ich in letzter Zeit oft das Gefühl, dass sie sich vorerst noch ein wenig orientieren muss, ob ich es doch bin, ob sie sich doch nicht irrt, dass jemand vorbeikommt.

Dann plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf und nimmt mich wirklich wahr. Die vertraute Stimme und abermals ein Blumenstrauß, über den sie sich hoffentlich doch auch ein wenig freut. Das war nicht immer so! Zwischendurch warf sie mir die Blumen auch mal weg. In dieser Zeit wollte sie überhaupt nicht mehr leben! Wozu denn noch Blumen? Ich hielt mich an unseren Kompromiss. - Nur zu Lebzeiten kann man sich über Blumen auch noch erfreuen. Zudem: Was sollte man denn sonst überhaupt mitbringen? Nun geht es ihr wieder etwas besser.

Einzig die Zeit, die man ihr schenken kann – gemeinsam verbringen kann, ist noch übrig geblieben! Vermutlich auch das Wichtigste! Dadurch, dass wir uns mündlich nicht mehr unterhalten können, weiß ich oft schon gar nicht mehr, was ich ihr noch alles erzählen könnte. Eventuell von Verwandten, Bekannten, aus ihrer Heimatgemeinde Irdning. Sehr viel weiß ich selber nicht, höchstens das, was in der Zeitung steht, falls ich eine solche in die Hände bekomme. Ich komme ja aus Salzburg herein! Einzig ein Nicken bestätigt mir, dass sie von meinen Erzählungen ein wenig mitbekommen hat. Wenn Verwandte oder ehemalige Arbeitskollegen doch mal vorbeikommen, haben diese das Problem, dass sie sich mit meiner Mutter ja nicht mal mehr unterhalten können. Für mich sind deren mitgebrachte Blumen der Hinweis, dass jemand da war. Meiner Bitte, sich in den Tischkalender einzutragen, befolgen auch nur wenige. So vergehen diese 2-3 Stunden Anwesenheitsbesuch mit ein wenig Musikbegleitung aus Radio oder Fernseher. Schließlich ist es wieder Zeit, um sich zu verabschieden, und hoffentlich in einer Woche wieder vorbekommen zu können. Dazwischen bleiben wieder sehr viele Stunden warten, ob jemand kommt! Ja doch! Gott sei Dank gibt es auch die pflegenden Schwestern, die für Abwechslung im sehr langen Alltag sorgen und diesen ein wenig kurzweiliger gestalten.

Danke an das gesamte Stationspersonal für all ihre Bemühungen und Aufmerksamkeiten!

Walter Leitner
Sohn von Stefanie Leitner